Ein halbes Jahr für meine Regeneration. Ein Geschenk!
Stell es dir nur mal vor. Sowas gibt es. Ich bin getragen, bedingungslos. Angebunden an ein sich in Wandel erfahrendes Entwicklungs-Geflecht von Transformationsbegleiter*innen: Dem WandelSpace. Ich hab es mir, um ganz ehrlich zu sein, erträumt ; )
Ein wahr gewordener TRaum, den ich erleben darf.
Meraviglioso würden die Italiener*innen sagen.
Wunderbar – Und so ist es!
Ich durfte frei entscheiden, was ich mit meinem neu hinzu gewonnen FreiRaum anstellen wollte.
Keine Vorgaben,..sondern Anbindung. In mir ausgelöst hat es ziemlich nacheinander und wiederholt: Überwältigung, Erleichterung & Freude, Dankbarkeit, Erschlaffung, Erschöpfung, Pause, Nichtstun, Einsicht, Regeneration, Aufschwung,…dort, in den zarten Anfängen befinde ich mich derzeit. In dieser Phase habe ich die Möglichkeit eine Casa in den Bergen Oberitaliens zu hosten. Was mir Zeit für mich allein und gute Gesellschaft abwechselnd beschert. Ich möchte euch ein wenig von den Phasen erzählen, die ich durchlaufen habe.
Überwältigung.
Die Zusage habe ich wenige Tage vor Sylvester bekommen. Ich war kurz davor mich beim Bürgergeld anzumelden, trotz großer Widerstände. Dazu ist gut zu wissen: Ich habe seit etwa 10 Jahren mit Projekten rund um Nachhaltigkeit und Transformation zu tun. 2018 etwa habe ich einen Laden für gerettete Lebensmittel gegründet (der bis heute besteht). Mir war es ein graus, mich auf die Aussicht eines Einkommens aus solch einer Struktur, die ich in der „alten Geschichte“ verorte, einzulassen. Und doch waren mir Projektanträge und Co. zu aufwendig, zu sperrig, zu eingeengt für transformative Arbeit. Ich wollte das ständige nebenher und vorausplanen neuer Projekte, damit ich mich finanzieren konnte, nicht mehr. Ich konnte auch nicht mehr. Nach etlichen Jahren eifrigem Engagement haben mich meine Kräfte langsam verlassen. Ich hatte alles gegeben. Doch wie sollte ich eine Pause einlegen, mit der ich mich anfreunden könnte? Wenn doch alles um mich herum sich weiter dreht… Vielleicht irgendwie kürzer treten? Es musste sich was ändern.
Und es kam ganz wunderbar unerwartet. Einfach nur, weil ich einen ehrlichen Brief schrieb. Darin habe ich so ziemlich das formuliert, was ihr hier gerade lesen könnt, mit der bitte um finanzielle Unterstützung und damit aufkommenden FreiRaum.
Freude.
Die Lautstärke der Silvesternacht war wie geschaffen, um meinen Freudenjubel zu bekräftigen.
Ich wusste nicht genau was kommt aber die Zusage ein Jahr ein projektorientiertes Grundeinkommen zu erhalten, hat mich komplett mit Freude erfüllt. Die große Erleichterung die sich in mir körperlich ausgebreitet hat, hat meine Vorstellungen davon, wie es sein könnte getragen und grundlegend abgesichert zu sein, weit überstiegen. Ich weiß noch wie ich mit einer Freundin in einem Türbogen saß und dem SilvesterSpektakel fasziniert lauschte. Sie meinte zu mir: „Hej, das hast du dir so verdient!“ Daraufhin entstand eine Pause. Ich antwortete: „Ich weiß gar nicht, ob es ums verdienen geht. Ich bin einfach so froh…und erschöpft. Alles fühlt sich an wie ein Marathon, in dem es nicht ums gewinnen geht sondern um…ja was eigentlich?
Dankbarkeit.
Das was sich in mir geregt hat, als klar wurde, dass ich mich für das kommende Jahr den „alten Strukturen“ entziehen kann und eine ernst gemeinte Absicherung für mein Sein und mögliches tun erhalte, ist schwer zu beschreiben. Der sich mir eröffnende FreiRaum hat meinen Horizont spontan gesprengt. Es kam „Halleluja“ in der Soundbox und das war der Moment, in dem die Musik mein Lied spielte. Die darauf folgenden Tage und Wochen waren jedoch herausfordernd..
Erschlaffung.
Mein Körper ging einfach aus. Ich wurde krank, bekam zum zweiten mal Corona und meine Kräfte versagten vollends. Das ging etwa zwei Monate auf diese Weise bis Ende März. Damit konnte ich schwer umgehen. Nachdem ich diese Kraftlosigkeit wahrnehmen konnte,..
Erschöpfung.
Ohne in Kraft zu sein, mit so vielen Ideen und Projekten, die ich eigentlich direkt gern umgesetzt hätte, hat mich fast zur Verzweiflung getrieben. Nun war ich mal in einer Absicherung und konnte nichts damit anfangen. So dachte ich. Genau da war der Wendepunkt in meinem Verständnis. Vor allem körperlich. Ich hätte all diese Dinge und Situationen bestens vorher durchdenken und mir vorstellen können. Doch es wirklich zu erleben… Diese Situationen zu durchleben,.. ist etwas weit aus lehrreicheres. „Etwas damit anfangen“ wurzelt in dem alten Muster unbedingt die uns zur Verfügung stehende Zeit verwerten zu wollen. Ob damit Regenwald abzuholzen, Lebensmittel zu verschwenden oder aufzuforsten und Lebensmittel zu retten, also das Gegenteil dessen zu tun, ist unerheblich. Es geht um die Art und Weise wie ich mit meiner mir vorhandenen Zeit umgehe. Vom Standpunkt der Verwertung aus, befinde ich mich auch wenn ich mich dafür entscheide Lebensmittel zu retten, auf der gleichen Ebene alter imperialer (kapitalistischer) Muster. Letztlich Verwertungszweck(e). Zeit in Kapital umrechnen. Das haben wir uns in unserer Kultur vermittelt.
Was tust du, wenn du das Geschenk und den Auftrag bekommst, deine Zeit mit Leben zu füllen?
Meine Antwort bisher: Finde erst wieder zurück zu dir Selbst, unabhängig vom „System“ und alten Mustern, die mir zu sagen scheinen, was zu „tun“ sei. Dann fange im kleinen
an, etwas für dich zu tun. Damit tust du dir und folgerichtiger Weise allen, mit denen du in Verbindung stehst: Gutes. Dann stehe ich im Dienst etwas größerem, obwohl ich an mich gedacht habe. Denn ich habe meine Freiheit in Verbundenheit kultiviert. Ein neues Muster!
Ich denke darum geht es vor allem mit neuen FreiRäumen – vielmehr ein Loslassen und neu Einlassen zu kultivieren. Dadurch entstehen Brücken in eine neue Geschichte, eine neue Art und Weise miteinander zu sein – ein kulturelles Geschenk. Halleluja!
Pause.
Die Anerkennung, dass ich mir trotz dem Weltengang, mit dem ich nicht einverstanden
bin und schmerzen mitfühle, eine Auszeit nehmen sollte, ist gelinde gesagt wahnwitzig für den ersten Moment. Und doch das einzige was mich wieder in Kraft bringt, nach einem Aktivismus-Marathon. Und dabei geht es nicht ums verdient haben. Nicht im Schwerpunkt. Es geht darum, sich einzugestehen, dass ohne dass ich wahrhaftig lebe, keine Veränderung im System stattfinden kann. Sich abzukämpfen erschafft weiteres kämpfen. Es geht auch nicht darum nicht zu kämpfen. Es geht um die Haltung und auch um das eigene Leben. Ohne in etwas Neuem zu leben, ist der Kampf um transformative Grenzen ermüdend, auslaugend und nicht „nachhaltig“ durchzuhalten. Das lässt sich
leicht mit Worten feststellen. Doch aus Erlebtem möchte ich meinen, es ist einer der Kernpunkte des Wandels. Wir brauchen Kraftorte und Menschen, die diese „halten“. Damit bauen wir auf, was uns nährt, ohne kaputt machen zu müssen, was uns kaputt macht. Transformation hat in friedlicher und gestalterischer Weise auch nicht direkt etwas mit kaputt machen zu tun und doch ist es eine aufreibende und zu tiefst fordernde Aktivität, die ausgedehnte Pausen und vor allem Nichtstun benötigt…
Nichtstun.
Probiert das mal. Es ist schwierig ohne Ende! Ich bin im April nach Ober-Italien in den Bergen angekommen. Nun komm mal von dem Rausch der Welt im Aufbruch „runter“ bzw. „hoch“ !
Ein weiterer Monat verging. Was ich „leisten“ konnte war Nichtstun. Essen, schlafen, still werden.
Das ist wirklich die eindrücklichste Qualität, derer ich hier wieder in Tiefe begegnen durfte: Stille.
Kaum etwas ist so wertvoll. Die Verbindung zur Natur, hier wo diese noch lauter ist als unsere Zivilisation in der Stadt, ist unbezahlbar. Und sie lehrt: Es geht nicht ums Tun. An erster Stelle steht das Sein und eben Stille. Nach und nach hat sich mein kreiselnder Geist gelegt, zuvor immer in Aufruhr dieses oder jenes planen zu müssen oder „aktiv“ zu sein. Auch Yoga, Sport, Meditation oder was uns noch so an städtischen Tools zur Verfügung steht, um uns nicht ganz zu verlieren, reicht nicht heran an diese Form der Stille..
Wir brauchen Kraft-Orte des Rückzugs. Sonst verlieren sich unsere Aktionen im ewigen Rausch imperialer Strukturen und Muster, die uns umgeben und eben auch Teil von uns sind.
Einsicht.
Das alles hat nichts mit aufgeben zu tun. Das musste mir erst ein mal klar werden. Das Gegenteil davon ist der Fall. Für mich wurde damit spiritueller Aktivismus laut, weil er mich leise hat werden lassen. (Im Musikplayer klingt >Son Little – Neve give up<)
Regeneration.
Kann einfach nur bedeuten: Liegen bleiben. Für mich so lange notwendig, bis sich ein echter, tiefer Impuls meldet in Aktivität zurück zu kommen. Es hat schon auch etwas von ausgebrannt sein, dieses Gefühl „am Ende“ mit seinen Kräften zu sein. Und doch hat es etwas erstaunlich lebendiges in sich. Wie bei Ying und Yang trägt es den Keim zum Aufschwung in sich. Die Kunst ist wohl, den entscheidenden Wendepunkt nicht zu verpassen! Für mich habe ich den nur erkannt, weil ich genügend liebende Menschen um mich habe, dich ehrlich zu mir sind. Und auch, weil mein Körper großartig darin ist mir Zeichen zu geben. Wandern in der Bergen ist das was mir nach dem Liegen am wohlsten tut gerade. Dabei denke ich ungewohnter Weise sehr wenig. : ) Eigentlich staune ich nur mit offenen Augen und gehe mal Berg auf, mal Berg ab…
Und alles was sich ergibt sind Eingebungen. Die gar nicht hätten kommen können, wenn die „Leitung“ belegt gewesen wäre.
Aufschwung.
Hier oben stelle ich mir vor wie die Falken fliegen.
Aktive Flügelzüge und doch, so wenig Kraftaufwand. Einfach, weil sie die richtigen Strömungen erkennen und sich davon tragen lassen. Schmetterlinge in Hülle und Fülle, deren mystische Schwingen, bemalte Kunstwerke sich unberechenbar ihren Weg durch
die Prärie bahnen.
Das so ziemlich ist es, was mich am meisten inspiriert und mir liebevoll zu verstehen gibt: Alles Lebendige ist da, um uns zu unterstützen. Für ein Verbundensein und eine Freiheit aus der Stille heraus für eine „neue Geschichte“ zu agieren. Für mich: CreⱯktion.
HalbZeit.
Es ist Juni, der sechste Monat meiner „Auszeit“ und damit auch Halbzeit.
Heute ist der letzte Junitag und sehr genau die Mitte meines Jahres mit „Halleluja!“. Sagt man das so? 😀 Wie dem auch sei. Ich habe mich an den Laptop gesetzt um aufzuschreiben, was mich in meinen Gedanken sehr laut berührt hat. Aufs neue berührt und doch lauter und durchdringender: „Der größte Irrtum, dem wir unterliegen, ist, dass wir annehmen durch Leistung etwas verändern zu können.“ Das ist so schwerwiegend, dass es mich ganz unruhig macht. Das ist schon fast lustig, wenn es nicht so ernst damit wäre. Ich bin über die Wochen hier in den Bergen auch immer wieder „unten“ zum einkaufen, Wäsche waschen, tanken, Müll wegbringen und hier und da einen Plausch in meinem Lieblingscafé auf italienisch halten um… mein italienisch zu verbessern und die Menschen besser kennenzulernen (imparo…passo per passo!). Ich komme in dem Café über meinen Laptop auch per WLAN ins Internet und damit… in Reichweite von Mails, Nachrichten und meinen Projekten in Halle (Saale) bzw. Deutschland. Und da greifen sie – die Muster. Sie sind so leise und doch so mächtig, dass ich mich richtig zusammen reißen muss, sie überhaupt zu erkennen und mich ihnen auch noch zu entziehen – Nein zu sagen. Was und wie ich dann etwas an meiner ART & Weise verändere, darauf ein und damit umzugehen, steht auf einem anderen Blatt Papier. Das Stärkste unter den „alten“ Mustern ist erst ein mal ganz leise und schleicht sich gut gemeint in mein Bewusstsein, nämlich darüber, dass meine Freund*innen und auch Arbeitskolleg*innen (in der transformativen Arbeit) sich mir gegenüber einfach so verhalten, wie gewohnt. Ich spüre durch ihre Nachrichten den Druck, den Arbeitsdruck. Ob nun aus dem Grund sich in Lohnabhängigkeit oder Weltverbesserungsabsichten zu befinden, ist ganz gleich. Niemand spricht es offen an (daran liegt ja wohl das gefährliche bei Mustern) aber es wirkt durch den Raum, in die Qualität unseres Kontaktes, hinüber in unsere Kommunikation und schießt mir ein ganzes Paket von Informationsfäden, die allesamt der „alten Geschichte“ anhaften, entgegen. Meine Sinne sind ganz aufgeregt und versuchen sich ein Bild zu machen. Wie gehe ich damit um? Zur Zeit bin ich ja derjenige der „Nichts tut“. Das stimmt natürlich so gar nicht. Aber allein, dass die anderen weiter tun, was sie tun und wie sie es tun (müssen), erzeugt einen Sog, der so stark auf mich wirkt, dass ich gleich im nächsten Moment einen Kaffee bestellen will, zum Laptop und Handy greifen will und mich irgendwie mit „Arbeit“ beschäftigen will. Andernfalls müsste ich mich schämen. Na hoppla! Pause. Atmen. Beruhigen. Ich ertappe mich dabei in Leistung „einzusteigen“! Die Glocken der Kirche läuten, es wird Dunkel und die Straßenlaternen erhellen die Gehsteige.
Der größte Irrtum, dem wir unterliegen, ist, dass wir annehmen durch Leistung etwas verändern zu können.
Warum? Eine der Eckpfeiler des imperialen Glaubenssystems beruht genau auf diesem Leistungsgedanken und ist uns in Fleisch und Blut übergegangen. Wir können es noch so intellektuell oder rational verstanden haben. Doch wie bekommen wir es aus unserem Körper? Wie Glaubenssätze glaubwürdig umformulieren, wenn doch alle anderen scheinbar daran glauben und danach handeln? Klingt ein wenig wie Ketzerei. Häresie! (Häretiker). „Leistest du was, bist du was“. Wer lange arbeitet, ist hoch angesehen. Wer damit viel Geld verdient, noch mehr. In einem so schrecklich ungerechten System, ist die
länge der Arbeit und erst recht der Verdienst natürlich ein lächerliches Parameter für so etwas wie Würde. Übersetzt würde das auch bedeuten, du bist was du (er)arbeitest. Nun.. bei der ganzen Zeit die wir mit Arbeit zu „tun“ haben, die uns auch noch bis nach zu Hause verfolgt,.. sind wir wohl wirklich die meiste Zeit unsere Arbeit. Mit was fülle ich mein Leben?
Ich möchte lieber sein (können) ohne arbeiten zu müssen. Wow. Das klingt so leise im Oberton der Leistungsgesellschaft, dass es einem Wunder gleich kommt, würde es auf Verständnis treffen. Nicht wahr? Aus einem einfach sein können ohne arbeiten zu müssen erwächst ein gutes Leben, denke ich. Und nur dann. Und aus diesem guten Leben wiederum entsteht frohes Schaffen – freudiges Beitragen. Und nur dann auch nachhaltig, regenerativ und langfristig. Ich glaube das bei mir in seinen Anfängen beobachten zu können. Mir fällt jetzt erst auf, indem ich mitten „drin“ bin es zu erfahren, dass Beitragen ohne Zwang der einzige Weg ist, etwas wirklich transformatives beizutragen. Alles andere geschieht mit großer Wahrscheinlichkeit „in Leistung“ der alten Geschichte und auf Kosten der eigenen Gesundheit oder dem Wohl anderer.
Zitat Dalai Lama: „Menschen verkaufen ihre Gesundheit für Geld,.. um sich später mit Geld wieder Gesundheit zu erkaufen.“ (so oder so ähnlich).
Zwang ist ganz einfach etwas, das unserem schöpferischen Potenzial entgegensteht.
Uns davon zu befreien erweitert die Parameter unserer Möglichkeiten für Wandel ganz gewaltig ohne dabei gewalttätig zu sein…
Und das ist etwas, glaube ich, was sich nur durch Erfahrung, durch erleben für uns (ganz) öffnet. Vielleicht wie mit allem. Ein erleben kommt wirklich im Körper und damit direkt und ehrlich an.
Erleichterung.
Ich leide nicht an Langeweile. Ich verfalle nicht in Aktionismus, jetzt wo ich das Gefühl habe wirklich wieder tief verbunden und aufgeladen zu sein. Ich verstehe viel mehr, um was es geht, auch wenn es sich für mich nicht leicht beschreiben lässt. Ich habe angefangen, einfach weil ein inneres Bedürfnis mich dazu bewegt hat, über spirituellen Aktivismus zu schreiben und es bereitet mir große Freude. Mir scheint als ob sich viele kleine Puzzlestücke in meinem Verständnis zusammengesetzt haben und nun in einen Bezugsrahmen fließen, mit dem ich mich auf die Gestaltung von Welt ausrichten kann. Tief drin, in mir, habe ich das immer gesucht und hätte nicht geglaubt, dass ich mir die Freiheit nehmen könnte, mir diese Fragen selbst zu beantworten. Einfach nur, weil ich mich „raus ziehe“ und Zeit in Abgeschiedenheit und mit der Natur verbringe. Für mich klingt das erst ein mal ziemlich paradox. Aber welche persönlichen Wahrheiten und Erkenntnisse erscheinen uns nicht als Paradoxien? Was mir hier außer Stille wieder so eindringlich begegnet ist, ist das Heilige. Und ich spreche nicht von irgendeiner kirchlichen Hermeneutik oder schrägen Glaubensbekenntnissen. Für mich hat es sich als etwas ganz simples gezeigt, hier in den Bergen. Einfach und schön, so wie die vier Elemente, die alles Lebendige durchdringen: Erde: Feuer, Wasser und Wind. Zu spüren, wie wertvoll und wie hoch Lebensqualität sein kann und das es grundlegend (für mich) bedeutet; Sauberes Wasser zu trinken, frische Luft zu atmen, fruchtbare Erde um mich zu haben, wärmende Sonnenstrahlen und ein Feuer im Kamin/Ofen genießen zu können, genügend frische, gute Lebensmittel vorrätig zu haben, mich in Frieden mit meinen Nachbarn befinden und in fließenden Abständen mich an guter Gesellschaft zu erfreuen, mich auszutauschen und Körper, Geist und Seele als Mensch der ich bin in all seiner schönen Vielfalt zu erleben. Klingt im ersten Moment nicht nach etwas Extravagantem oder „viel“ doch bei genauerem Hinsehen,…
Wo bzw. Wann haben wir so etwas alles in Ausgeglichenheit und wirklichem Verständnis für die Heiligkeit, sagen wir Wichtigkeit dessen, in unserem Alltagsleben in Städten oder
sonst wo (noch/wieder)? Ich sehne mich nach einem echten kulturellen Wandel. In dem nicht versucht wird hier und da den Schaden, den die imperiale Lebensweise angerichtet hat, fragwürdig zu beheben. Oder dort versucht wird, die Augen zu verschließen oder einfach weggesehen wird und sich nach allen erdenklichen Möglichkeiten betäubt wird. Das widert mich wirklich an. Auch dann wenn ich es selbst getan habe und wohl hier und da wieder tun werden, weil mir etwas zu viel wird oder ich noch keine bessere Strategie gefunden habe, damit umzugehen bzw. weil die benötigten Muster, dich ich bräuchte um mich zu wandeln, noch nicht geschöpft wurden. Oder einfach, weil ich mich nicht erinnere, wie es doch eigentlich besser ginge..
Also wo sind die alten neuen Orte und Plätze für eine lebensdienliche Kultur?
Wo befinden sich die Wege, die dort hin führen?
Wer hat und will sich wirklich auf den Weg machen?
Und wieso stelle ich mir das so schwer vor? Es ist erst mal doch sehr einfach sich diese Fragen zu beantworten: Dient das, was ich hier tue dem Leben? Und ist es wahr?
Das Wertvollste das wir besitzen ist wohl unser Leben. Wo immer es auch genau herkommt und wer es uns geschenkt hat – denn nichts anderes ist (d)ein Leben. Ist es dann nicht angemessen, sich dem Leben dienlich zuzuwenden?
Und damit würde ich meinen, ist einer der tückischsten Verdrehungen unserer Auffassung generell und unserer Sprache gegenüber heutzutage, dies: „Das Leben ist nicht fair“ entsprungen, so denke ich, einer tiefen Depression unserer Kultur. Es gibt nichts, was fairer ist als das Leben. Das was zutiefst unfair ist, ist unser System – die Grundlage auf der wir unser Leben gestalten. Die Differenzierung ist an allen Punkten, die sich davon ableiten, bis ins Detail wichtig. Nur so, glaube ich, erkennen wir wo sich die Bruchstellen der alten imperialistischen Kultur und ihrer Muster befinden und können uns dafür entscheiden, entgegen aller Ängste, Zwänge und Unfreiheiten, dem Leben zu dienen.
Darauf habe ich große Lust.
Und dieses „System“ ist nichts natürlich Gegebenes oder Unveränderteres, auch wenn es hier und da den Anschein erwecken will. Etwa so, wie die vorherrschende Wirtschaftswissenschaft einem Studierenden und der Rest der Welt glauben machen möchte, sie sei alternativlos und im Grunde eine mathematische Weisheit höchster Klasse. (Das mit der Klasse ist auch etwas witzig, findet ihr nicht). Nichts ist unveränderbar außer der Fort(Lauf) der Zeit. Nichts ist veränderbarer als der (Welt)Raum, der uns alle umgibt. Auf allen möglichen Ebenen. Wohl ist nicht entscheidend wie groß die Taten sind sondern das es Taten sind. Nicht wahr?
Und darum geht es hier glaube ich: Die Parameter für Möglichkeiten guten (lebensdienlichen) Lebens zu erweitern.
Verantwortung.
Meine Zeit allein am Haus ist vorbei. Zum Abschied bin ich auf den Gipfel gewandert und habe mich bei all den lebendige Wesen, ob Tiere oder Winde, bedankt, die meine Zeit hier so eindrücklich geprägt haben. Es gibt wohl Dinge und Themen, denen wir nur allein begegnen können. Genauso wie wir anderes nur unter „uns“ machen können. Die Umstellung, zu wissen, ab jetzt die andere Hälfte meines Aufenthalts in Gesellschaft zu sein, braucht ein bisschen. Auch wenn es schwierig ist, fühlt es sich richtig an.
In einem Gespräch mit meiner Begleitung unten am See, in einem Freibad, sind wir auf Verantwortung zu sprechen gekommen. Ich habe das Gefühl viele dieser „großen“ Begriffe mit anderen Augen zu sehen und (immer noch) aus einer Art Ferne zu betrachten. Zumindest solange, wie mich kein städtischer Alltag eingenommen hat und andere Dinge sich wieder in den Vordergrund schieben. Die Menschen, die sich zum Hauptanliegen gemacht haben, ihr Leben und das kulturelle Leben im Allgemeinen im positiven zu wandeln, leiden oft an einer scheinbar unüberwindbaren Krankheit. Und diese hat mit
Verantwortung zu tun. Zumindest der Verantwortung derer wir denken, uns zuwenden zu müssen. Ich finde, dass es an dieser Stelle sehr spannend wird. Für alle. Wenn ich das Glück und den Fluch teile sehr emphatisch gegenüber Lebewesen zu sein (die Erde ist eines) bin ich näher am Zustand der Welt, wie ein Mensch, der dies nicht so direkt empfindet (mit welchen Strategien auch immer er/sie dies bewerkstelligt). Und machen wir uns nichts vor, der Zustand ist desolat. Nun neigen viele der Engagierten und Aktivist*innen unserer Zeit dazu sich alles, was an Verantwortung angesammelt wurden ist, einzuverleiben.
Die Folgen davon sind, dass sie damit jene entlasten, die mindestens genau so viel davon übernehmen müssten. Und ich glaube auch, dass es mit unter dadurch entsteht, weil sich ein Held*innen sein, attraktiv für die eigene Erzählung nutzen lässt. Sicher sind Menschen, die sich aktiv für eine bessere Welt einsetzen, dafür zu feiern. Und trotzdem sind sie keine besseren Menschen, auch wenn es sich im ersten Moment leicht so sagen ließe. Wir alle haben unsere Gründe, das zu tun, was wir tun.
Wenn Verantwortung von wenigen „übernommen“ wird und andere dadurch entlastet werden, ist das oft sicher auch etwas gutes, etwas menschliches. Doch führt es nicht dazu, dass Aktivist*innen sich nur übernehmen können? Führt es nicht dazu, dass scheitern unausweichlich herbeizuführen? Ob an Burnout, Überarbeitung, Depressionen oder anderem erkrankt. Als ich das schreibe, bemerke ich, dass es wohl auf alle Menschen in der Gesellschaft zutrifft. Und trotzdem ist der Teil er Aktiven (ich meine jene, die ihrem persönlichen Anliegen folgen, Welt zu gestalten – sich ihr lebensdienlich zuwenden), offensichtlich damit überfordert den Teil der Verantwortung zu übernehmen, den alle Menschen (ob reich oder arm) verantworten MÜSSEN.
Wenn wir uns einen der Parameter für Veränderung ansehen, nämlich Geld, dann frage ich mich ernsthaft, wie es einem Menschen mit vielen Millionen oder gar Milliarden möglich ist, sein Geld zurückzuhalten. Nichts anderes geschieht ja, wenn sich gegen Vermögenssteuern auf diesem Niveau ausgesprochen wird. Ist es wirklich das, was ein Mensch (mit Verfügung über so viel Geld) gewillt ist beizutragen? Ich würde fast eine Wette eingehen wollen, dass wenn sich ein Viertel derer, die über so viel gesellschaftliches Vermögen (nichts anderes ist dieses Geld) verfügen dazu aufraffen würden, ihrer Verantwortung ernsthaft nachzukommen, sich die Möglichkeiten für eine nachhaltigere Welt mindestens verdoppeln würden. Es ist ja so,..dass genau diese Kreise und Menschen über die wertvolle Möglichkeit gebieten dieses Geld zu verschenken. Ja, richtig gehört. 🙂 Kaum jemand ist sich doch im klaren darüber, wie mächtig Geschenke sind. Ein Staat hat elendig lange Genehmigungsprozesse für „Projektgelder“ und Co. Abgesehen davon, verschenkt der Staat nichts, schon gar nicht Geld. Das liegt ganz einfach im System der Sache, den Steuern und dem Unmut, den es entwickeln würde, bekämen einige Geschenke und andere nicht. Denn der Staat soll ja möglichst versorgend allen gerecht werden. Die private Wirtschaft ist in gewisser Weise deren Gegenteil. Einige derer die über das ungerechte Wirtschaftssystem, Märkte und Co. zu Reichtum gelangt sind haben das im Rahmen ihrer „Freiheit“ getan. Und genauso frei sind jene nun, da wo es sch anbietet, Teile ihres Reichtums zu verschenken. Und ganz nebenbei bemerkt, sich damit echter Freiheit wirklich wieder zu nähern. Denn ich bin mir sehr sicher, dass Menschen mit so viel Geld (bewiesener maßen), mit mehr Geld immer unglücklicher werden. Wie auch,..wenn ich damit das Wohlergehen anderer abschöpfe. Das geht nur in einer Welt der Trennung. Nicht einer der Verbundenheit. Und Glück folgt immer der Freiheit in (tiefer) Verbundenheit…
Ein Tag im Paradies.
Was tun, wenn die Welt um einen herum in Getöse und Gebrüll an allem wackelt, was vorher sehr fest erschienen ist? Wenn das Gewitter so heftig wütet, dass alte große Bäume einer nach dem anderen umknickt gar entwurzelt wird? Was tun, wenn das Haus plötzlich unter Wasser steht, wenn es feucht aus den Fugen drückt und keine Besserung in Sicht ist? Wenn kein anderer mal eben etwas „in Ordnung“ bringen kann,..schon gleich gar nicht mal eben „oben“ auf dem Berg. So etwas kann einen schon mal zur Verzweiflung bringen, wären da nicht die Kühe mit ihren beruhigenden Schmatzern auf der Weide oder die Nachbarn, die sich trotz großer Sprachbarrieren große Mühe geben zu helfen, wo sie können. Was ich hier beschreibe ist mir mit meiner Partnerin hier passiert. Wir sind eine Weile allein hier und hüten die Casa und das Land, bis Familie und Freund*innen nach und nach Gebrauch von diesem Ort und dem Refugium machen werden diesen Sommer. Das Gewitter, dessen wir hier gebannt ausgeliefert waren über Nacht, hat uns wirklich fürchten lassen. Es ist zum einen unglaublich schön, so etwas mitzuerleben und trotzdem: Wir sind ganz klein für den Moment und können nichts tun, außer uns zu verkriechen und das Beste zu hoffen. Das ja alles hält und nichts einstürzt. Tennis große Hagelkörner im Sommer, riesige durchgehende Blitze, so dass der Himmel taghell erscheint und ein Sturm, dass man das Gefühl hat, jeden Moment hebt das (Stein)Haus ab. Wir sind die meiste Zeit unseres Lebens in Städten unterwegs, arbeiten und schlafen dort. Hier oben so ein Wetterextrem zu erleben (auch für diese Gegend ungewöhnlich heftig), was auch „unten“ riesige Kiefern und starke alte Bäume einfach so aus hebelt, macht mir ehrlich gesagt Angst. Es versetzt meinem Unterbewusstsein einen Knacks. Einen kleinen Riss, den ich mir nicht als harmlos erklären,- oder schön reden kann, denn ich bin zu nah dran dafür und ich habe etwas zu verlieren: Einen sehr lieb gewonnenen Ort und Tiere und Menschen, die damit verbunden sind. Dann machtlos zu sein, wenn etwas größeres hinüberzieht, als das ich es aufhalten könnte, macht ein Gefühl von Hilflosigkeit in mir breit. So etwas passiert in viel schlimmerer Variante überall auf der Welt und wird in den nächsten Jahren in unvorstellbarem Tempo an Heftigkeit und Häufigkeit zunehmen. Mich macht das auch demütig. Und doch, was bleibt mir übrig als mich dem zu stellen?
Ich glaube, das was ich wirklich (weiterhin gesund und auch freudig) „dagegen“ tun kann, ist mich auf das Schlimmste vorzubereiten indem ich auf das Bestmögliche hinwirke. Und mich darin übe, mich tagtäglich zu erinnern. Vielleicht wäre ein Tattoo gar nicht verkehrt: „Alles ist mit allem verwoben“. Meint, ich kann gewissen Tatsachen, Phänomenen und Auswirkungen nicht entkommen. Allerdings kann ich die Entscheidungen, auf die ich tagtäglich Einfluss habe, bewusst treffen. Damit bewege ich das einzige, was ich wirklich beeinflussen kann: Mein Schicksal. Verwoben mit allem Lebendigen. Ob ich will oder nicht. Der Erdball ist auf mich angewiesen, sowie auf dich und dich und uns und alle gemeinsam.
Fortsetzung folgt..
Autor: CreⱯ (www.creaktionist.de)
ART & Weise (Blog)
Lizenz: Namensnennung – Nicht-kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International

Ein sehr interessanter Erfahrungsbericht, bin schon auf die Fortsetzung gespannt.
So eine Auszeit auf dem Berg, mitten in der Natur, würde ich mir auch wünschen.
Alles Gute weiter für dich.
Liebe Grüße Ariana
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Danke Ariana.
Ich wünsche das wirklich allen zarten Seelen dort draußen,…was dann wohl alle wären : )
Wer weiß wie die Möglichkeiten durch den WeltRaum ziehen!
Alles Liebe.
CreⱯ
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Es spricht nichts dagegen, dass du uns bzw. den Ort besuchen kannst.
Sicher ist das auch eine wunderbare Möglichkeit sich inspirieren zu lassen.
: )
Hier: https://www.creaktionist.de/casaiside
findest du demnächst dann das neue Programm zur nächsten Saison.
Liebe Grüße
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