Emma Kunz

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Auszug aus einem Beitrag von Thorsten Wiesmann über Emma Kunz

(http://implizit.blogspot.com/?q=emma+kunz)

Die Menschheit ins Licht führen
 
Auf dem Umschlag ihres Büchleins «Neuartige Zeichnungsmethode» (1953 im Eigenverlag erschienen) schrieb Emma Kunz: «Gestaltung und Form als Mass, Rhythmus, Symbol und Wandlung von Zahl und Prinzip». Damit wies sie knapp und sehr präzis auf das hin, was hier dargelegt wurde. Wichtig ist der Begriff der Wandlung, der das Dynamische betont, die ständige Veränderung, immer neues Werden. Es gibt keine festen Körper. Wenn feste Körper sichtbar werden, so entspricht das einer bestimmten Seh- und Denkweise, die das Fliessen anhält, um überhaupt etwas sehen und denken zu können. Emma Kunz‘ Theorie zeigt eine Verwandtschaft mit der modernen Feldtheorie der Physik, bei der es nicht mehr feste Körper und in sich geschlossene Dingeinheiten gibt, also keine feststehenden Kraftzentren, sondern Kraftstrahlungen, die einander überkreuzen, miteinander in einem fliessenden Austausch stehen, ohne einen Augenblick inne zu halten und sich zu dem zu verfestigen, was unserer Vorstellung eines in sich geschlossenen Dinges. entspricht, wenn wir die Substantive «Körper», «Haus», «Baum» verwenden. Von Emma Kunz ist folgender Satz überliefert: «Alles geschieht nach einer bestimmten Gesetzmässigkeit, die ich in mir fühle und die mich nie lässt zur Ruhe kommen.» Drei Elemente sind an diesem Satz grundlegend: das Fühlen und Spüren eines Ordnungszusammenhanges, man könnte auch sagen einer überpersönlichen Struktur, und die sich aus dem Zwiespalt von Ahnung und Nicht Wissen ergebende Unruhe als eine Energie, die aus dem Fühlen, aus der Ahnung Erkenntnis machen will.
 
Mit diesem Satz formulierte sie die Grundvoraussetzung des Künstlers und Forschers, der eine neue, erweiternde Erkenntnis machen will, die, auf seinem Grund, in seinem Kopf und Körper gewachsen, immer überpersönliche Bereiche anpeilt. Emma Kunz spricht nicht von Gesetzen, sondern von Gesetzmässigkeiten; dieser Unterschied ist wichtig, weil ihr ganzes Werk nicht eine Gesetzesordnung als feststehendes System postuliert. Es gibt bestimmte Konstanten in ihrem Werk; die grundlegende Konstante der Veränderung der Formen bei gleichbleibenden Punkten des Beziehungsnetzes wurde hier dargelegt. Es gibt innerhalb dieses Rahmens andere Elemente von einer bestimmten Konstanz, doch verschieben sich die Ordnungen in jedem Blatt wieder. Das zeigt die Farbverwendung, die nicht nach einem festen System erfolgte. Das Dynamische, Wandelbare blieb immer bestimmend. Und das ist das eminent Künstlerische an den Blättern Emma Kunz‘: sie realisieren und illustrieren nicht eine eindeutig formulierbare Theorie, ein feststehendes System, sondern gehen von bestimmten Prinzipien aus, um diese in jedem Blatt wieder anders anzuwenden. Also : System und Systemverschiebung, Erkenntnis und Erkenntniswandel, Ordnung und ihre Relativierung, Durchschaubarkeit und deren Sprengung.
Bevor wieder auf Emma Kunz‘ Werke zurückgekommen wird, ist ein Umweg notwendig, um kurz zu klären, was mit dem Begriff der Kunst gemeint sein könnte.
Allgemein gesagt: Kunst ist eine Komplexierung verschiedener Systeme.
Präziser gesagt: Kunst ist zielgerichtete Verwebung, kalkulierte Vermischung verschiedener Denk- und Anschauungsweisen, um durch diese Durchdringung neue Denk- und Anschauungsweisen zu schaffen, die die Beziehung zu dem was Wirklichkeit genannt wird neu und umfassender gestalten.
Dadurch wird auch die Wirklichkeit komplexer, was also heisst, dass «Wirklichkeit» abhängig ist vom Komplexitätsgrad der Denk- und Anschauungsweise. Aus diesen Zusammenhängen folgert, dass das Kunstwerk ein Modell ist, ein Modell für ein Bewusstsein. Pointiert gesagt: das Kunstwerk steht für ein Bewusstsein und ist dessen Spur und Abfall. «Bewusstsein» enthält das Wort «sein»; «sein» bedeutet, im Gegensatz zu «haben», dass etwas in Bewegung ist. Sein ist das Verbum der Bewegung: der Gefühle, Empfindungen, Gedanken. Das Objekt – die Zeichnung, das Bild – ist aber als Ding etwas Statisches und Bewegungsloses. Es gilt also, wenn das Kunstwerk Modell eines Bewusstseins ist, über die statischen Daten, die dieses Modell liefert, das Bewusstsein zu rekonstruieren. Das ist die Erkenntnisarbeit, die jedes Kunstwerk als Modell eines Bewusstseins vom Interpreten (und Interpret ist jeder, der sich damit beschäftigt) verlangt. Weil Bewusstsein Sein ist, also in Bewegung, kann diese Erkenntnisarbeit nie zu einer endgültigen Lösung gelangen. Das ist das Künstlerische am Stoffspiel des Objektes: obwohl es statisch und präzis ist, ist es nie abschliessend deutbar.
 
Emma Kunz‘ Bilder sind Modelle ihres Bewusstseins; Modelle dessen, was sie als Forscherin herausgefunden hatte. Der Modell- und Plancharakter ihrer Bilder erscheint nicht nur deshalb, weil es Kunstwerke sind, sondern offensichtlich und vordergründig in der Art und Weise der Darstellung. Das Malerische ist nicht Selbstzweck, die sensible Linie beruht nicht auf der Absicht, Sensibilität zu demonstrieren, es gibt nichts, das sich in der stofflichen Wirkung, im Augenreiz erschöpft. Ihre Bilder sind eher kühle Niederschriften ihrer Gedanken oder ihres inneren Kräftegefüges – sachliche Beziehungsgeflechte von grosser Komplexität, die auf das verweisen, was in ihnen an Bewusstsein und Denkarbeit liegt.
 
Die Bilder sind Modelle einer sehr forcierten Gedankentätigkeit, die sich im Bild ausdrücken will, da die Wortsprache in ihrer Geradlinigkeit viel zu reglementierend und ungenau ist. Das entspricht dem, wenn der Wissenschaftler heute sagt, dass die Sachverhalte der exprerimentellen Physik viel zu komplex geworden sind, um sie in der konventionellen Wortsprache beschreiben zu können; er verwendet Formeln dazu, Symbole und Verhältniszeichen der Mathematik, die die Beziehungen der Komplexität entsprechend sichtbar, denkbar machen.
 
Emma Kunz war im konventionellen Sinne ungeschult, sie hat in ihrem Leben nur sehr wenige Bücher gelesen. Wenn sie sich als Forscherin über und durch das Bild ausdrückte, so hat das seinen Grund aber nicht darin, dass sie ungeschult war. Mit dem Bild als Kunstwerk und sichtbargemachtem Bewusstseinsmodell entzog sie sich der falschen Fixierung, entzog sie sich jener Haltung, die jede Erkenntnis, jede Forschungsarbeiten nach dem Grad der Nutzanwendung beurteilt. Nach der Klärung formaler Zusammenhänge und der Klärung der Absicht Emma Kunz‘ ist es notwendig, auf den Bedeutungsraum zu sprechen zu kommen, also auf das, was in den formalen Zusammenhängen an inhaltlichen Verweisen liegt oder liegen könnte. Gehen wir vom Modell aus, das Emma Kunz selbst hergestellt und verwendet hatte. Es ist eine Holztafel (8,5 x 8,5 cm) mit einer Kreuzform darauf, von deren vertikalen Balkenende eine V-förmige Öffnung den Weg nach oben markiert. Diese Tafel bildete die Grundlage und das Orientierungsschema für das Ermitteln der Energieströme beim Pendeln. Es ist ein kreuzförmiges Weltbild: die Senkrechte kennzeichnet die Spannweite von oben und unten, Licht und Finsternis, Himmel und Erde; die Waagrechte entspricht moralischen Kategorien, ist also «menschlich», links liegt das Böse, rechts das Gute; im diagonalen Raum als verschobenes Kreuz liegen die vier Elemente Feuer, Luft Wasser, Erde. Dieses kreuzförmige Schema mit entsprechender Diagonale erscheint auf vielen Bildern, doch für die Interpretation gibt es nicht viel her. Die Bilder weichen davon ab, sind nicht durch begriffliche Feststellungen, wie sie im Schema erscheinen, bestimmt. Konstant ist zumeist die Beziehung von statisch und dynamisch, von Zentrum und Umgebung, von Einstrahlung und Ausstrahlung, von innen und aussen, von Ganzheit und komplexer Teilung. Sehr oft erscheint eine Betonung nach oben, zumeist als grössere Helligkeit der Farbe Gelb. Harald Szeemann verweist auf einen grösseren Zusammenhang: … «durch die Zeichnung als geistige Hinweise und Prophetie wollte sie (Emma Kunz) die Menschheit durch die Arbeit ins Licht führen, die Kreuzesarme in die Erlösungssenkrechte bringen.»

 

 

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